Die Schere, wo ist die Schere? Und nach zwanzigminütiger Durchsuchung des gesamten Operationssaals – sicherlich unter einer verwinkelten Tarmed-Position verrechenbar – kommt das Ops-Team des Waidspitals deduktiv zum Schluss: Die Schere muss noch im Brustkorb des Bypasses liegen. Der Bypass ist Frau Andrioli, Allgemeinpatientin (die in der Regel nur mit der Diagnose bezeichnet werden, damit man gegenüber Privatpatienten die man beim Namen nennt einen Unterschied machen kann).

Die Optionen im Operationssaal sind nun übersichtlich. Man hätte zwar noch eine Ersatzschere für das folgende Magenband, aber die Schere in der Andrioli-Brust macht spätestens bei ihrem nächsten Sicherheitscheck am Flughafen Probleme. So wird entschieden: Man öffnet Naht und Brustkorb nochmals; verlängert die Narkose; die OP-Putzmannschaft, das folgende OP-Team und das Magenband selbst werden auf später vertröstet. Nach der Lösung des Problems folgt die Suche nach dem Schuldigen. Schwierig! Die Narkoseschwester sagt, sie hätte die Schere gar nie gehabt, der Chefarzt säuselt, er sei wegen dem Stationsapéro eh viel zu spät gewesen und hätte von allem gar nichts mitbekommen, der Assistenzarzt meint, er selbst hätte zwar mit der Schere geschnitten, aber die Verantwortung für die Operation liege nicht in seinen Händen, die Opshilfe flüstert: Sie hätte schon gesehen, dass die Schere neben der Lunge rumgelegen ist und sich auch gewundert, dass man einfach zunäht, aber sie sei ja neu und wollte nicht unangenehm auffallen. Schwierig! Warum? Weil die Suche nach dem Schuldigen nicht zuletzt auch die Frage beinhaltet, wer diese Nachbehandlung zahlt. Es ist Frau Andrioli. Sie ist es schliesslich, die zu dieser OP die Zustimmung gegeben hat.

Nun: Dieser Gedanke mag dem Lesenden völlig abstrus erscheinen, aber: Schneidet man von der Ops-Szene rüber auf unseren Bauplatz im schmucken Rickenbach bei Schwyz erkennt man bald, dass dem in keinster Weise so ist.

Was ist passiert? Bei unserem Bauprojekt wurde im Garten ein Hochspannungselektrorohr statt 60cm nur 20cm tief in den Boden versenkt. Sprich: Wenn da irgendwann mal ein Mieter in der Landi diesen metallenen Sonnenschirmständer mit den drei senkrechten Stahlnägeln kauft, den man zur Fixierung in die Erde rammt, heisst es sofern er die Leitung trifft, ab zum Herrgott (sofern es diesen gibt, rsp. sofern man an ihn glaubt, rsp. sofern der Herrgott auch wenn man nicht an ihn glaubt barmherzig ist und sagt: schon gut, der Stromschlag aus Rickenbach soll kommen, bringen wir ihn bei den Allgemein Gläubigen unter, kann aufs Zimmer mit dem Bypass aus dem Waidspital).

Was machen wir nun mit dieser Hochspannungsleitung knapp unter unserer Sitzplatzoberfläche? Die Empfehlung des Elektrizitätswerks ist, das Rohr innerhalb des Grundstücks freizulegen und mit einem ‚Überbeton’ zu schützen. Der Architekt schreibt uns wörtlich: «Leider ist nun aber nicht feststellbar, wer schlussendlich das Rohr auf dieser Höhe eingelegt rsp. verlegt rsp. zugeschüttet hat. Auf Anfrage liegt das weder in der Kompetenz des Elektrizitätsbetriebs, noch fühlt sich die das Aushub- oder das Gärtnerunternehmen dafür verantwortlich. Alle drei Unternehmer weisen die Verantwortung von sich rsp. schieben das jeweils auf die anderen beiden Unternehmer. Das heisst, der Verursacher ist nicht eruierter, und die Kosten für diese Arbeiten müssen somit durch den Bauherrn übernommen werden.»

Seit ich das Mail des Architekten las, spüre ich sporadisch eine Enge in der Brust. Sie taucht immer dann auf, wenn ich unseren Kontoauszug, das Waidspital oder eine Schere sehe. Vielleicht wäre jetzt ein Kirchgang wieder mal angebracht, privat selbstverständlich.

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