Ich stamme aus einer Hausbauerfamilie. Mein Grossvater war Polier, Vater hat Maurer gelernt, und ich konnte schon als Kind Häuser viel besser zeichnen als Menschen. (Ich erinnere mich noch schwach an den Versuch, das Gesicht der Kindergärtnerin analog der Häuser mit dem Geodreieck meiner Schwester zu zeichnen. Ich fands sehr schön, auch passend, meine fistelstimmige Kindergärtnerin nicht. Nachdem ich Jahrzehnte später diese Picasso-Ausstellung besucht hatte, wusste ich, dass ich damals Recht gehabt hatte).

Aus den epsiodenreichen Bau-Erzählungen meiner Ahnen ist mir klar: Früher hat man anders gebaut. Die Vorschriften waren lax, kontrolliert wurde kaum. Vater brüstete sich oft damit, dass sie beim Bau meines Elternhauses den gesamten Bauschutt, statt ihn abzuführen einfach vor die Hütte gekippt hatten. Am Schluss wurde mit Erde aufgefüllt, und fertig war der Sitzplatz.

Solche Schelmereien gehen heute nicht mehr. Man muss die Vorschriften kennen und befolgen. Dabei halft uns der Architekt. Wenn dieser selbst unsicher war, rief man den Bausekretär an, seit 35 Jahren beim Hochbauamt Schwyz tätig, und fragte ihn. Er antwortete ruppig und regelmässig: Machen sie einfach mal, wir sagen dann am Ende schon, ob es stimmt oder nicht. (Soeben ist er pensioniert worden, und ich wünsch ihm auf seiner lang ersehnten Reise nach Australiern einen Touristenführer, der ihm am Ufer eines schönen Seeleins auch sagt: Baden sie nur, sie merken dann schon, ob die Krokodile Hunger haben oder nicht.)

Der Architekt plant also nach den ihm bekannten Vorschriften, selber wird man zum Bauherr. Dies tönt nobel, wie Schlossherr oder Lehnsherr, es suggeriert, man hätte grosse Entscheidungsbefugnisse, was ein Irrtum ist: Die eigentliche Bauherrschaft liegt bei den Nachbarswünschen, beim Baugesetz und im Budget.

Die Nachbarn involvieren sich als Erstes in die Planung. Sie sprechen bei der als angenehm empfundenen Haushöhe, der Fassadenfarbe und der Lage von Eingang und Parkplätzen tapfer mit. Das Baugesetz beschränkt die Möglichkeiten weiter: Es bestimmt Grenzabstände, Haushöhe, Wohnfläche, es verlangt Erdbebensicherheit (Schwyz ist jetzt nicht unbedingt bekannt als Hotspot der Kontinentalplattenverschiebung, trotzdem wird unser Haus aufgrund der gesetzlichen Normen so gebaut, dass uns die Zahl auf der seismologischen Richterskala über die nächsten paar Jahrhunderte egal sein wird. Sollte ich mich dereinst einfrieren lassen und nach einem technologischen Quantensprung in ferner Zukunft frisch aufgetaut und geduscht zurück ins Leben treten, wird das Haus also immer noch stehen). Was an Planungsflexibilität und Wünschen dann noch übrig bleibt, wird von der Budgetobergrenze torpediert. Der Architekt garantiert diese Obergrenze bei seiner Planung bei einer Genauigkeit von plus/minus 10% (auch wenn das minus 10% auf dem Kostenvoranschlag überflüssig ist, weil dies nur in Fantasyromanen vorkommt).

Aber das Schöne ist: Innerhalb dieser heutigen Rahmenbedingungen bleibt eine kleine Restfreiheit. Jede noch so enge Leitplanke hat einen Spielraum, den man sich gross reden kann. Und dieser kleine Rest wird bei der Planung zum grossen ALLES, um das man sich rankt und windet, auf dass am Ende vielleicht kein Schloss entstehe, aber ein erdbebensicherer Raum mit ein paar Wänden, Toiletten, Küche und Fenstern.

Abspann: Als wir vor 3 Monaten im Garten der Eltern an den Aushub gingen und in die Tiefe gruben, kam alles zum Vorschein, was mein Vater vor 35 Jahren unkontrolliert verlocht hatte (auch das Fahrrad des damaligen Poliers, welches dieser so verzweifelt gesucht hatte). Seine Sünden sind nun getilgt, alles wurde säuberlich getrennt und abgeführt. Sollte Vater dereinst vor dem baugesetzkonformen Himmelstor von Petrus ins Paradies eingelassen werden, hört er vielleicht aus dem von Picasso gezeichneten Gotteshaus meine Kindergärtnerin Halleluja fisteln, und wer weiss, vielleicht schwimmen im Teich vor dem kubistischen Palast australische Krokodile minus 10% Bausekretäre.

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