«Schatz, wir bauen ein Haus!» sage ich begeistert zu ihr, an einem Winterabend zwischen Tagesschau und Meteo. Und: Der stolze Mann malt sich im Vorfeld einer solchen Ankündigung das überraschte Strahlen der Besten ja immer genüsslich aus: Ihr Aufspringen, ihr Jubeln, die für eine Bernerin so untypisch feurigen Umarmungen, gehüpft, gesprungen, die Freudentänze auf dem Ecksofa, das «Gott, i gloubes nid, i gloubes nid!», die sogleich folgenden stündigen Telefonate mit ihren acht besten Freundinnen und das gleichzeitige erstellen einer umfangreichen WhatsApp-Gruppe mit dem Titel «Mein Mann, ein Held».

So meine Vorstellung. Sie, die sich im Trainer und mit Kuscheldecke zwischen die Sofakissen drapiert hat, antwortet auf dieses «Schatz, wir bauen ein Haus» lediglich mit «WO?»

Ich warte ab, denn vielleicht es braucht etwas Zeit, bis ihr die ganze Wirkung der Ankündigung in die Poren fährt und das Gesicht so engelsgleich stolz strahlen lässt wie damals, als ich das Kunststück geschafft hatte, das Spielzeuglieblingsauto unseres Sohnes mit selbst gebogenem Draht virtuos und geduldig aus dem Frontkühlergrillgewölbe des BMW Touring meines Schwagers hervorzuklauben.

«WO?» also. Und irgendwann weiss man, da kommt nichts mehr. Die Knappheit ihrer Antwort versetzt mir einen Dämpfer, aber jeder Hobbytennisspieler weiss um die Chance des zweiten Aufschlags. Ich schiebe also nach: «In Schwyz! Direkt neben dem Haus meiner Eltern!» Und hätte unsere Meteo-Fee Sandra Boner nicht im Hintergrund vom azorischen Hochdruckgebiet Sonja geschwärmt, wäre es jetzt sehr still gewesen in der Sofaecke der Familienstube. Und mitten in dieses Nichts folgt «Das gibt Probleme.»

Wenn ich zurückdenke, bin ich heute noch überrascht, wie spontan ich damals reagierte. Ich male ihr flugs die vollständige Liste von Vorteilen aus, die ein Wohnen auf dem Land mit unserem 3-jährigen Sohn haben wird: Schon die Ausgangslage ist vielversprechend: Das Bauland in der Innerschweiz als Erbvorbezug. Das Land liegt direkt an der Landwirtschaftszone. Dazu diese wunderbare Bergluft, Kuhglocken, Leben mitten in der Natur, wie auf den Segantini-Landschaften, die sie so mag. Und als sich ihr Gesichtsausdruck nicht von diesem ungläubigen Blick verabschieden will, fahre ich parallel die Schauerkulisse hoch von der doch so schwierigen Wohnsituation jetzt am Stadtrand von Zürich, vom Lärm, vom Gedränge im Bus, den schwierigen Nachbarn, der Hektik, der unsäglichen Sprache im Innenhof unserer Siedlung, mit deren Anwendung unser Kind schon jetzt fast täglich den Mittagstischfrieden riskiert. Ich schiebe praktische Argumente nach: Ein Haus gleich neben den Grosseltern des Kleinen, jederzeit haben wir Babysitter, sie sehen ihn aufwachsen, er sieht sie weise werden und gewinnt täglich im Memory… aber auch im grössten Enthusiasmus merkt der feinfühlige Mann, wenn der Funke nicht springen will. Selbst mein abschliessendes «Wir schaffen das!» hat bei Angela Merkel stärker eingeschlagen als bei mir.

Im März endlich beginnen wir mit Graben. Die Probleme, die meine Frau seherisch angekündigt hatte, sind endlich Geschichte: Unsere Nachbaren hatten einem alten Innerschweizer Reflex folgend bis zum Bundesgericht Einsprache eingelegt. Vier Jahre Verzögerung und 12’000 Stutz Honorar für vier gewonnene Prozessinstanzen. Unsere Vorfreude ist riesig. Wir hatten soeben Sitzung mit dem Architekten, in der die letzten kleinen Details geklärt worden sind: Die Lage der Steckdosen, die Beleuchtung des Eingangs, die Farbe des Schmutzschleusenteppichs, und dass sich das Projekt in der Zwischenzeit gegenüber dem ursprünglichen Kostenvoranschlag mirakulös um 170’000 Franken verteuert haben soll.

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