Das Wetter war gar nicht das Schlimmste. Man kann gut auch mal 2 Wochen in Wolken und Regen verbringen. Schade nur, dass es in der Schweiz schön war.

Beim Buchen dachte ich noch: Hauptsache Meer, Hauptsache Strand. Auf der Nordseeinsel Langeoog gibt es viele solcher Strände. Nicht natürlicherweise, denn eigentlich ist es nur ein Strand, die Ostseite der Insel. Aber diese ist in Strandabschnitte unterteilt. Es gibt Hundestrand, Sportstrand, Familienstrand, Drachenstrand usw, in der Erinnerung bin ich mir nicht sicher, ob’s nicht auch Rentnerstrand, Schwangerenstrand und einen für Träger von Amalgam-Plomben hatte.

Was die Strände verbindet, ist die allseitige Präsenz von Strandkörben, die man für 8.50 Euro mieten kann. Als Gegenleistung kriegt man eine Nummer. Diese steht auf dem Strandkorb, sagt aber nichts über dessen Lage aus. Die 1 liegt nämlich nicht neben der 2, die 476 auch nicht neben der 477. Wobei die 843 neben der 842 steht, dies aber nur zufällig. Man sucht also als erste Aktion seine Strandkorbnummer in der klammen Hoffnung, sie zu finden, bevor Regen einsetzt. Die Suche ist anstrengend, weil jeder, der seinen Strandkorb gefunden hat, augenblicklich damit beginnt, rundherum einen Wall aufzuschütten. Würde man eines Abends alle Strandkörbe entfernen, bliebe eine Kraterlandschaft, die an die Bilder der ersten Mondlandung erinnern. Folge dieser Festungswälle ist: Wir können bei der Suchexpedition weder geradeaus schauen noch geradeaus gehen, man blickt immerzu nach unten, um sich zwischen den Bergketten und Maginotlinien hindurch den Weg zu bahnen. Da die Gravitation auf Sand gefühlt doppelt so gross ist wie sonst, da wir Kilometerweise Umwege um Ringmauern machen, da wir die Strandkorbnummern oft erst sehen, wenn wir direkt davor stehen, weil der Vortagesbenutzer wohl ganz Mexico abhalten wollte, über seine Mauer zu klettern, finden wir unseren Strandkorb erst gegen Abend. Gegen Abend ist allerdings der einzige Moment zum Baden, weil die Flut endlich da ist. Kurz nicht nur wegen der polaren Nordseetemperatur, sondern weil sobald die Ebbe einsetzt, sich das Meer pfeilschnell zurückzieht. Sollte man dann noch im Wasser schwimmen, gnade Gott, landet man in Holland oder auf dem Meeresgrund, in den Tulpen oder den Korallen.

Wir kommen unterkühlt von diesem hektischen Bad zu unserem Korb zurück, als Hunger mit voller Wucht überuns hereinbricht. Erst jetzt dämmert es uns, dass wir den ganzen Tag auf der konzentrierten Suche zu essen vergessen haben. Da am Strand von Langeoog aber nirgends ein Essensstand ist, müsste man zurück in den Hauptort gehen, was in unserer Erschöpfung nicht drin liegt. Also lassen wir uns in den Strandkorb fallen. Der Hunger, und das ist das Gute, der Hunger geht dank der Sitzqualität sofort vergessen.

Alle Strandkörbe haben exakt dieselben Masse, die nicht vom heutigen Durchschnittsmensch stammen können. Irgendein Erfinder, wohl aus dem Frühmittelalter, muss auf die Idee gekommen sein, dass es der Welt neben Nahrung und Bildung an Strandkörben mangelt. Nur so ist es zu erklären, dass diese auf die durchschnittliche Körpergrösse der Menschen im karolingischen Reich geeicht sind. Sitzt man als Durchschnittsmann in den Korb und streckt die Beine, kommt die Achillessehne direkt auf der Holzkante der Ausziehschublade zu liegen. Die gepolsterte Fläche wäre unter den Waden, die das aber nicht merken, weil sie in der Luft hängen. Es bliebe noch, die Beine anzuziehen, aber dann legt sich der Bauch in unästhetische Falten, die für die Urlaubs-Whats-up-Fotos mit der Absicht zu zeigen, schaut mal, wie schön wir es haben, nicht taugen.

Das Gute an solchen Erfahrungen ist, wenn sie sauber und strukturiert reflektiert werden, gewinnt man Erkenntnisse für sein Restleben. Wir fahren nie mehr zur Nordsee. Wir bleiben die nächsten Sommer über in Zürich. Wir gehen ins Seebad Tiefenbrunnen, ohne Strandkörbe, nehmen Badetücher mit, und einen Spaten, um im Rasen um unsere Liegefläche einen tiefen Graben auszustechen.

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